Depression im Alter als Spätfolge unverarbeiteter Kriegserlebnisse
Depression im Alter als Spätfolge unverarbeiteter Kriegserlebnisse
Depression im Alter als Spätfolge unverarbeiteter Kriegserlebnisse
Kurzvortrag vom 8. Dezember 2010
Beim Fachtag „Frauen Depression Prävention“ am 8. Dezember 2010 in der Brunsviga, veranstaltet von der Frauenberatungsstelle Braunschweig hat Uta David, Diplom Sozialarbeiterin im Arbeitsfeld Soziotherapie bei ambet, einen Vortrag zum Thema „Depressionen bei älteren Frauen“, gehalten. Dabei wird ein Blick auf die Zusammenhänge zwischen Kriegserfahrungen und Depression geworfen.
Zusammenfassung des Vortrags und Literaturempfehlungen [PDF]
Wenn man sich und das Leben nicht lieben kann
Fachtagung der Frauenberatungsstelle zum Thema Depression - Ständige Entwertung führt zu mangelndem Selbstbewusstsein
Von Ann Claire Richter
Unendlich erschöpft, ausgelaugt und niedergeschlagen. Sie hatte das Gefühl, in ihrer Ehe keine Luft mehr zu bekommen. Ihren drei Kindern hatte sie ihren Lebenstraum geopfert: das Medizinstudium. Ihr Mann derweil hatte sich ebendiesen Traum erfüllt.
Katharina Vogel (Name von der Redaktion geändert) hat sich immer wieder selbst unter Druck gesetzt, hat versucht, ihre Familie und die Liebe am Laufen zu halten - und empfand dabei doch immer wieder ein abgrundtiefes Gefühl von Minderwertigkeit.
Schließlich die Scheidung, dann die Wiederaufnahme des Studiums. Noch mehr Druck und noch negativere Gefühle.
Ein Indikator für gesellschaftliche Zustände
Inge Lübbers von der Frauenberatungsstelle beschreibt Katharina Vogel als eine äußerst attraktive Frau. "Doch sie selbst kann das nicht sehen. Sie fühlt sich mit ihren 40 Jahren alt und grau und meint, es keinem recht zu machen und den Ansprüchen nicht zu genügen."
Katharina Vogel kam in die Frauenberatungsstelle, weil sie Depressionen hat, weil sie sich und das Leben nicht lieben kann. Ein Teufelskreis. Und weil es immer mehr Menschen gibt, die unter Depressionen leiden, veranstaltete die Frauenberatung auf Anregung der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft in dieser Woche in der Brunsviga eine Fachtagung, die das Problem aus weiblicher Sicht beleuchtete und Möglichkeiten zur Prävention aufzeigte. Titel: "Die Kraft der Achtsamkeit".
Die Resonanz war enorm: ausgebucht! Die Hälfte der 90 Teilnehmerinnen waren Fachfrauen aus psychosozialen Einrichtungen.
"Spätestens seit dem Tod des prominenten Fußball-Torwarts Robert Enke ist das Thema Depression medienpräsent", sagt Inge Lübbers. Überall seien daraufhin Bündnisse gegen Depression wie Pilze aus dem Boden geschossen. "Depression ist ein Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen und Zustände. Manche Experten gehen soweit zu behaupten, dass sich die Depression weltweit - inzwischen vor Herzerkrankungen und Diabetes - an die Spitze der Krankheiten geschoben hat." Alle Statistiken belegten, dass zwei Drittel der Betroffenen Frauen seien. "Rechnet man allerdings die Zahl der Alkoholkranken dazu, ist der Anteil der Geschlechter ungefähr ausgeglichen."
Es sei schwierig, das Phänomen Depression zu fassen. "Fest steht, dass diese Menschen leiden." Depressive fühlten sich leer, nichtig, ungenügend, unbehaust. Sie schafften es nicht, ein bewertungsfreies Leben zu führen. In der heutigen Zeit müsse der Mensch die Illusion ertragen, dass ihm alles möglich sei. "Das erzeugt einen enormen Erwartungsdruck an das Glück." Depressive müssten den Weg zurück zu sich selbst finden, müssten lernen, sich anzunehmen, sich selbst zu lieben. Inge Lübbers greift auf das Bild des gemeinschaftlichen Gesanges zurück: "Wenn wir einmal begreifen, dass keines Menschen Stimme so klingt wie die eines anderen, wenn wir begreifen, dass wir den eigenen Weg gehen müssen, wenn man die eigenen Qualitäten anerkennen kann, die eigene Farbigkeit - dann machen Vergleiche keinen Sinn mehr."
Das Grundübel sei die Entwertung. "Noch immer müssen sich Frauen von ihren Männern am Abend anhören: Was hast du denn überhaupt den ganzen Tag gemacht?" Frauen erlebten immer wieder, dass ihre Leistungen herabgewürdigt würden. "Männer glauben oft, dass ihre Arbeit anstrengender und wertvoller sei als die der Frau." Diese Entwertung brenne sich ein. "Sogar sehr selbstbewusste Frauen haben oft immer noch Angst davor, groß zu sein - weil sie wissen, dass viele Männer das überhaupt nicht schätzen." So spielen die Frauen eine Rolle - und lassen sich zur Unterlegenen machen.
Frauen helfe es nicht, sich zusammenzureißen und sich immer mehr abzuverlangen. Im Teufelskreis der Entwertung bekämen sie Angst, das Leben zu versäumen. "Robert Enke zum Beispiel litt sehr stark unter der Entwertung seiner ehemaligen Heimat - der DDR. Es schien doch immer so, als sei dieser Mann direkt vom Himmel nach Hannover gefallen?"
Man kann sich nur aus sich selbst heraus heilen
Neben dem großen subjektiven Leid ist mit der Depression allein durch den Arbeitsausfall auch ein volkswirtschaftlicher Schaden verbunden, betont Inge Lübbers. "Man kann lernen, sich nicht lähmen zu lassen von der Angst, am Leben vorbeizuleben."
Katharina Vogel ringt noch mit sich, ob sie ihr Studium tatsächlich abschließt. Oft fehlt ihr die Kraft dazu, sich diesen Traum zu erfüllen. Jetzt hat sie sich entschlossen, eine Klinik aufzusuchen, um Zäsur zu machen. "Zu 80 Prozent ist ihr schon bewusst, dass nur sie selbst es ist, die sich heilen kann."
Volkskrankheit Depression. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Rechnet man die Alkoholkranken dazu, ist der Geschlechteranteil jedoch nahezu ausgeglichen.
Braunschweiger Zeitung, 10. Dezember 2010, Braunschweig Lokal, Seite 19 | Foto: Rudolf Flentje
