Leben mit Erinnerungsinseln
Leben mit Erinnerungsinseln
Leben mit Erinnerungsinseln

LEBENSTEDT. In dieser alten Musiktruhe aus den 50er-Jahren klingen die schwarzen Scheiben von Hans Albers, Freddy Quinn und Rudi Schuricke gleich noch einmal so schön.
Und sie erinnern an andere, an gute Zeiten. Die Musiktruhe, eine Erinnerungsinsel. Ein Fixpunkt, der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. "Menschen mit Demenz leben häufig in der Vergangenheit. Während ihr Kurzzeitgedächtnis immer schwächer wird, gelingen Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis wesentlich häufiger", sagt Hans Golmann, Geschäftsführer von ambet. Der Braunschweiger Verein eröffnet im August in Lebenstedt das Haus Amalia, ein Pflegeheim, das ganz auf die Versorgung und Förderung gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen abgestimmt ist.
Ein würdevolles Leben in einem als normal empfundenen Alltag. Dazu sollen nach einem von Geragogik-Studenten der Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel entwickelten Konzept die Erinnerungsinseln beitragen. Untersuchungen hätten ergeben, dass sich demente Menschen am häufigsten an Ereignisse zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr erinnerten, wobei die positiven Eindrücke überwiegen. Golmann: "Besonders Themen wie Musik, Mode und Arbeitsleben spielen dabei wichtige Rollen.
Die Musiktruhe hatten Angehörige einer Demenzkranken gespendet. Wilfried Adler, ein passionierter Radiobastler aus Lebenstedt, hauchte dem alten Möbel mit viel Akribie neues Leben ein. Die Kondensatoren sind erneuert, Kriechströme beseitigt. Joachim Döbler, Professor im Fachbereich Sozialwesen, erfreut dieses bürgerschaftliche Engagement. Er hofft nämlich, dass das neue Heim nicht nur seinen Studenten erste Möglichkeiten der Berufserfahrung gibt, sondern auch ein Teil "der Bürgerkultur Salzgitters wird".
Erinnerungsinseln. In Haus Amalia wird es einen alten VW-Käfer geben, eine Frisierkommode mitsamt Originalzubehör, Illustrierte und Zeitungsständer, ebenfalls alles aus den 50ern. Und dann dieses wunderbare Filmplakat von Romy Schneider oder das von Marlene Dietrich. "Aber", sagt Golmann, der unlängst einem Bekannten einen alten Wäschestampfer abgeschwatzt hat, "wir sind noch immer auf der Suche nach weiteren Gebrauchsgegenständen aus der guten alten Zeit" ? damit in Haus Amalia aus Erinnerung anregende Wohlfühlatmosphäre wird.
Artikel in der Salzgitter Zeitung vom 30.06.2007
